Schicksal im Rollenspiel

Schicksal und Prophezeiungen gehören zu den Klischees der Fantasy, die auch im Rollenspiel gern eingesetzt werden. Ein Gespräch zu Eowyn und MacBeth brachte mich auf die Idee: Was, wenn Schicksal mit der Macht des Charakters verbunden wäre?

Je höher die Stufe, desto stärker bindet das Schicksal einen Charakter.Auf niedrigen Stufen kann man ein Problem immer wieder angehen, wenn man die Umstände verändert. Wenn ein Angriff fehlschlägt, kann man einen zweiten unternehmen. Falls man den Sarkophag nicht aufgestemmt bekommt, kann man es mit einem Kuhfuß oder einem Seilzug noch einmal versuchen.

Auf höheren Stufen ändert sich dies, das Schicksal übernimmt langsam die Kontrolle. Eine Aktion, die einmal schiefgegangen ist, kann nicht wiederholt werden. Man würfelt nicht mehr einmal pro Angriff, sondern nur noch einmal pro Gegner oder pro Kampf. Es gibt nur einen Versuch, den Sarkophag zu öffnen.

Auf richtig hohen Stufen bindet das Schicksal den Charakter noch fester. Es gibt nur noch einen Wurf pro Gegner: Falls dieser fehlschlägt, kann der Charakter diesen Gegner niemals bezwingen. Sie würfeln auch nicht mehr, ob sie einen Sarkophag öffnen können, sondern ob sie ihr Ziel in einem Dungeon erreichen.

Je mächtiger ein Charakter ist, desto weniger Chancen hat er also, ein Ergebnis zu verändern. Umgehen kann er dieses Hindernis nur, indem er einen weniger mächtigen Charakter freie Hand gibt, das Problem für ihn zu lösen. Damit geht er natürlich ein Risiko ein: Denn wenn er dem anderen Charakter freie Hand gibt, kann der sich auch gegen ihn wenden. Er muss also aufpassen, wie viel seiner Macht er verleiht und sollte darauf achten, nicht alle Eier in einen Topf zu sammeln.

Je strikter die Kontrolle des Charakters über seine Handlanger, desto enger sind sie auch an sein Schicksal gebunden. Wenn er seinen Handlangern hingegen freie Hand lässt, können die sich ihr eigenes Glück schmieden.

Das würde sogar erklären, warum der Oberbösewicht die üblichen Fantasy-Klischees erfüllt und nicht persönlich gegen mögliche Auserwählte vorgeht. Denn sobald ihre Truppen ein Dorf angreifen, um einen potenziellen Auserwählten zu töten, entscheidet das ihr Schicksal: Wenn die Truppen scheitern, kann der Oberbösewicht diesen Gegner niemals mehr persönlich überwinden. Er kann nur noch seinen Handlangern freie Hand gewähren, es auf eigene Weise zu versuchen.

Wenn man das Prinzip auf die Spitze treiben will, dann kann man übernatürliche Wesen sogar zu reinen Spielbällen des Schicksals machen. Jemand, der genug Macht ansammelt, verliert irgendwann seine Menschlichkeit und wird zu einem übernatürlichen Diener des Schicksals.

Das gemeinste am Schicksal wäre: Je geringer die Macht, desto weniger Möglichkeiten, etwas aus eigenen Vermögen zu erreichen. Aber je höher die Macht, desto stärker vom Schicksal gefesselt.

Ein Gedanke zu „Schicksal im Rollenspiel

  1. Vasant

    Mit großer Macht kommt großes Schicksal? Das klingt nach einem interessanten Ansatz für eine Mechanik – ich muss da direkt an griechische Mythologie denken, in der Götter ja auch oft Interesse an mächtigeren oder „wichtigeren“ Leuten zeigen.

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