Archiv für den Monat: Juni 2017

Rollenspieldesign mit freier Software

Einige Leute sehen es ja als Ziel, möglichst viel mit FOSS (Free and Open Source Software) zu arbeiten. Diese Software darf man nicht nur frei benutzen, sondern auch frei weiterentwickeln, weil man als Benutzer auch Zugriff auf den Quelltext hat.

Ist es möglich, ein Rollenspiel komplett mit FOSS zu entwickeln?

Betriebssystem

Ohne Betriebssystem geht gar nichts. Bei freien Betriebssystemen gibt es im Grunde zwei Möglichkeiten: Linux (z.B. OpenSUSE oder OpenSuse) und BSD (z.B. TrueOS). Zwar kann man noch viele weitere offene Betriebssysteme finden, aber die dienen eher zum Basteln als für die tägliche Arbeit.

Notizbuch

Bevor es ans Schreiben geht, muss man Ideen sammeln. Dafür braucht man ein Notizbuch oder einen Karteikasten (z.B. Tomboy oder wikidPad).

Statistik

Ergeben die Regeln überhaupt Sinn? Pi mal Daumen kann man das meistens abschätzen, aber bei aufwändigeren Regelwerken wird das schwierig. Dann muss man unter Umständen die Statistik zu Rate ziehen, was ein echter Statistiker mit R tut. (Ich wüsste allerdings niemanden, der so etwas für Rollenspielentwicklung benutzt – wirklich nur für extreme Statistikfreaks.)

Schreibmaschine

Dann muss man die ganzen Ideen noch zu einem zusammenhängenden Text verbinden, sie also ins Reine schreiben. Dabei hilft FocusWriter, wenn man sich wirklich nur auf den Text konzentrieren will, aber natürlich kann man auch eine Textverarbeitung wie Libre Writer oder Calligra Words benutzen.

Rechtschreibung und Grammatik

Text alleine reicht nicht, richtig soll er möglichst auch noch sein. Der Korretkor kann hierbei Languagetool zuhilfe nehmen, um Rechtschreibung und Grammatik zu prüfen.

Bilder und Grafiken

Niemand möchte eine reine Bleiwüste, in vielen Fällen kann eine Grafik auch einfacher darstellen, was man zeigen möchte, als man es in Worten ausdrücken könnte. Hier unterscheidet man zwischen zwei verschiedenen Arten von Grafiken: Rastergrafiken, bei denen ein Bild in Farbpunkten gespeichert wird (z.B. Fotos) und Vektorgrafiken, bei denen ein Bild als mathematische Beziehung gespeichert wird (z.B. Piktogramme).

Gestaltung

Zu guter Letzt muss man Text und Grafiken noch anordnen sowie das ganze in ein druckfähiges Format bringen. Hierfür benötigt man eine Software zum Desktop-Publishing, als freie Software kenne ich da nur Scribus.

Das Web und Kommunikation

Irgendwie muss man dann das auch noch alles im Internet bekannt machen. Glücklicherweise basieren fast alle Webserver und Webhoster auf freier Software, da kann man also fast nichts falsch machen.

Wichtiger wären da die Kommunikationskanäle, denn viele soziale Netzwerke entsprechen nicht den Idealen freier Software. Anstelle von Twitter müsste man hier auf GNUsocial oder (für OSR-Fans) auf Mastodon dice.camp setzen, Facebook oder Google+ wären natürlich ebenfalls tabu, als freien Ersatz gäbe es Diaspora*.

E-Mail und Chats auf der Basis von XMPP oder IRC folgen offenen Standards, können also recht problemlos genutzt werden.

Fazit

Ja, man kann ein Rollenspiel komplett mit freier Software erstellen und vertreiben. In vielen Bereichen ist das für den ambitionieren Laien sogar problemlos möglich, etwa bei den Punkten Schreibmaschine, Rechtschreibung und Grafik. Besonders im Punkt Web und Kommunikation kommt man hingegen schnell an einen Punkt, wo es zwar theoretisch möglich ist, man aber massive Nachteile hinnehmen muss.

Layoutprogramme fürs Rollenspiel

Es gehört zum Rollenspiel dazu, eigene Abenteuer und Regelwerke zu schreiben, oftmals auch, diese dann zu veröffentlichen. Gelegentlich kommt die Frage auf: Womit setze ich meine Texte denn, wenn sie fertig sind?

Die beiden gebräuchlichsten Programme zum Textsatz sind Adobe InDesign und QuarkXPress, falls man die nicht beruflich einsetzt, lässt sich der Preis aber nur schwer rechtfertigen.

Glücklicherweise gibt es neben den beiden Platzhirschen noch diverse andere Layoutprogramme, die oftmals günstiger und teilweise sogar kostenlos sind. Zwar muss man auch einige Abstriche bei Komfort und Möglichkeiten machen, aber für Leute, die den Buchsatz nicht von der Pike auf gelernt haben, dürften das eh größtenteils böhmische Dörfer sein.

VivaDesigner

Windows, Linux, Mac OS X (0 – 400 Euro)

Den Viva Designer gibt sowohl in einer kostenlosen Fassung (VivaDesigner Free Edition) als auch in einer kostenpflichtigen Variante (VivaDesigner Personal Edition für 110 Euro, VivaDesigner Commercial Edition für 400 Euro sowie GOV, NGO, EDU preislich dazwischen). Der Unterschied zwischen Personal und Commercial Edition liegen nicht darin, wie viele Leute sie einsetzen, sondern, zu welchem Zweck man sie einsetzt .

Dieses Programm lässt sich mit Abstand am angenehmsten bedienen und bindet viele Fähigkeiten moderner Schriften (wie Ligatur und Randausgleich) automatisch mit ein. Sehr schick. Großes Manko: Die Free Edition exportiert das Werk ausschließlich als in Postscript eingebettetes Bild, weshalb hiermit erstellte PDF sehr groß werden und im Druck zerrupft aussehen. Gute PDF kann man bloß mit den kostenpflichtigen Versionen erstellen.

Tango solo

Windows, Mac OS X (0–100 Euro)

Tango solo gibt es als Private Edition (kostenlos) und als Professional Edition (100 Euro), mit der Private Edition darf man alles tun, wofür kein Geld fließt.

Tango solo läuft auch auf leistungsschwachen Rechnern noch flott, bedient sich aber nicht annähernd so komfortabel wie Viva. Oft muss man sich durch lange Menüs hangeln, bestimmte Dinge lassen sich nur umständlich einstellen.

Auch bei Tango solo kann nur die kostenpflichtige Version direkt PDF exportieren, allerdings bettet hier der Postscript-Export die Schriften ein, weshalb man PDF weitergeben kann.

Scribus

Windows, Mac OS X, Linux, BSD-Unix, OS/2 Warp 4, Solaris (0 Euro)

Scribus kann man nicht nur kostenlos für jeglichen Zweck einsetzen, sondern (dank GPL) sogar selbst an die eigenen Bedürfnisse anpassen.
Es bietet unglaublich viele Funktionen an, unter anderem einen hervorragenden Test, um die Druckfähigkeit zu testen; entsprechend gute PDF exportiert Scribus auch. Gleichzeitig lässt es sich aber nur sehr umständlich bedienen, viele Schritte lassen sich erst nach Umwegen durchführen.

Für Scribus spricht aber (neben der FOSS) die große Anzahl an Lehrbüchern und die starke Community (es gibt auf Youtube sogar ein Tutorium Scribus 101 – Open-Source Layout for RPG Publishers).

Nachtrag: Ein Bekannter meinte, Scribus laufe bei ihm gar nicht so langsam. Bei einem Test lief es bei mir auf einem in einer virtuellen Maschine installierten Linux tatsächlich flüssiger als auf dem gleichen Computer im regulär installierten Windows.

Einsatz im Rollenspielbereich: jcgames.

Calamus

Windows, Atari TOS (50 – 2200 Euro)

Calamus basiert auf einer alten Layoutsoftware für den Atari und benutzt immer noch deren Benutzeroberfläche. Ich komme mit dem Programm überhaupt nicht klar und verstehe nicht, warum das irgendjemand benutzt. Es hat vermutlich irgendwelche Spezialfunktionen, die man in bestimmten Feldern braucht, aber es ist vermutlich keine gute Wahl, um Rollenspielmaterial zu erstellen (außer, man will unbedingt mal wieder seinen Atari benutzen).

Es gibt mit iCalamus auch eine eigenständige Version für Apple.

Einsatz im Rollenspielbereich: Keine bekannt.

Serif PagePlus X9

Windows (23 Euro)

Serif PagePlus richtet sich an DTP-Einsteiger, die gelegentlich ein Dokument gestalten müssen. Es bietet trotzdem nahezu alle Funktionen, die man braucht und lässt sich gut bedienen. Es bringt haufenweise Vorlagen mit, die Gelegenheits-Gestalter häufig brauchen, wie etwa für Einladungen.

PagePlus wird nicht mehr weiterentwickelt und es gibt auch keine Sicherheitsupdates mehr. Der Hersteller plant, dieses oder nächstes Jahr eine komplett neue Basis für seine DTP-Programme zu starten.

Einsatz im Rollenspielbereich: Keine bekannt.

Serif PagePlus wurde eingestellt und lässt sich nicht mehr kaufen. Der Nachfolger vom gleichen Herausgeber ist der Affinity Publisher für 54 Euro.

Textverarbeitungen

Heutzutage bringen Textverarbeiten wie LibreWriter, MS Word, Calligra Words oder Apple Pages umfangreiche Funktionen mit, um einfache Layouts zu erstellen. Mit Objektrahmen, Stilen und automatischen Verzeichnissen machen sie dem Autor das Leben leicht. Auch der PDF-Export stellt heute kein Problem mehr dar. Bei sehr umfangreichen Dokumenten mit vielen Bildern laufen sie aber oftmals etwas instabil und zäh.

Einsatz im Rollenspielbereich: Basic Fantasy zeigt aber, dass man heutzutage mit LibreWriter das Layout von professionellen Rollenspielen aus den 1980ern erreichen kann.

(La)TeX und Abkömmlinge

TeX und Konsorten gibt es in vielfältigsten Formen und für verschiedenste Betriebssysteme kostenlos im Internet. Der Schriftsatz sieht in aller Regel sehr gut aus, aber man merkt dem Programm an, dass es ursprünglich dafür gedacht war, auf Computern ohne GUI wissenschaftliche Aufsätze für die Veröffentlichung vorzubereiten. Wenn man etwas anderes gestalten will, muss man die entsprechenden Fähigkeiten selbst per Modul dazuprogrammieren bzw. entsprechende Gestaltungsmodule einbinden.

TeX-Dateien lassen sich nur umständlich bearbeiten, da man einen puren Text mit darin verstreuten Formatierungs- und Einbindungsanweisungen bearbeitet. Bevor man Layoutänderungen sieht, muss man das Dokument zunächst (teilweise mehrfach) kompilieren, der Versuch, grafische Elemente zu gestalten, wird so oft zur Schnitzeljagd. Das Erstellen und der Austausch von TeX-Dokumenten erfordert technische Kenntnisse z.B. zu Zeichensätzen.

Einsatz im Rollenspielbereich: Ludus Leonis und Lost Pages.

Fazit

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, wäre VivaDesigner mein absoluter Favorit. Das Programm lässt sich sehr einfach bedienen und bringt viele Komfortfunktionen mit.

Da Geld eine Rolle spielt, folgt tatsächlich Scribus auf dem zweiten Platz. Es wird aktiv weiterentwickelt und es gibt haufenweise Tutorien und Lehrbücher. Wer mit der Bedienung nicht klarkommt oder wessen Computer mit Scribus schneckt, sollte sich PagePlus oder Tango solo angucken.

Wenn man nur kleinere Abenteuer herausgeben will, reicht es in der Regel aus, sich die Fähigkeiten der eigenen Textverarbeitung zu Gemüte zu führen. Der Umgang lässt sich in aller Regel leichter erlernen als der mit einem DTP-Programm, ganz ohne Übung und Einarbeitung kommt man aber auch damit nicht voran.

TeX und Calamus als Exoten bieten sich nur für Spezialfälle an.

Und zum Abschluss noch einen Tipp: Die Seite Gemeindebrief in Farbe bietet Video-Tutorien zu VivaDesigner und Scribus, sowie eine schriftliche Anleitung zu PagePlus (wenn auch zugegebenermaßen etwas versteckt und für veraltete Versionen).