D&D und seine Gesinnungen

Diesen Monat dreht sich der Karneval der Rollenspiele um Gesinnungen, bei D&D immer wieder Anlass für Streit und Missverständnisse. Dies liegt meiner Meinung nach in der extrem verwaschenen Definition im Spielerhandbuch von D&D, wo sowohl Rechtschaffen Gut als auch Chaotisch Gut im Grunde darauf hinauslaufen, einem persönlichen Ehrenkodex zu folgen.
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Derart verwässert bieten Gesinnungen natürlich keinerlei Orientierungshilfe. Das Gegenteil passiert bei Lamentations of the Flame Princess, wo Chaotisch und Rechtschaffen dermaßen unmenschlich sind, dass sich selbst Fritz Haarmann nur als neutral qualifiziert. Auch hier bieten Gesinnungen keinerlei Orientierung, weil sie so weit außerhalb des menschlichen Moralverständnisses stehen.

Ich habe bisher nur eine überzeugende Beschreibung für beide Gesinnungsachsen gefunden: Die Achse Rechtschaffen-Chaotisch zeigt an, wie ein Charakter die Gesellschaft ordnen möchte. Die Achse Gut-Böse zeigt an, wie ein Charakter sich gegenüber anderen Individuen verhält.

Die Achse Gut-Böse verstehen die meisten Menschen intuitiv: Gut entspricht unseren modernen Moralvorstellungen. Gute Menschen helfen anderen, sind weltoffen, achten den Gegenüber als Individuum. Bösen Menschen tun das Gegenteil, sie handeln egoistisch, sie haben einen engen geistigen Horizont und denken in Stereotypen.

Die Achse Rechtschaffen-Chaotisch lässt sich schlechter greifen. Sie bildet ab, wie wir eine Gesellschaft ordnen: Ohne Ansehen der Person oder gemäß persönlicher Bindungen? Das Ideal unser Justiz ist eine Rechtsprechung ohne Ansehen der Person, nur in Hinblick auf das Recht. Das ist der Inbegriff der Rechtschaffenheit. Ebenso handelt jemand Rechtschaffen, der z.B. gegen einen Geliebten aussagt – er stellt sein Verhältnis zum Gesetz über seine Gefühle (unabhängig davon, ob das Gesetz diese Aussageverweigerung erlaubt oder nicht). Umgekehrt ist es ein chaotischer Akt, wenn z.B. ein Politiker sein Ehrenwort (eine persönliche Verpflichtung gegenüber einer anderen Person) höher gewichtet als das Interesse an der Aufklärung eines Schwarzgeldskandals.

Rechtschaffenheit beruht aber nicht auf geschriebenen Gesetzen, sondern prinzipiell für Sachen, denen man sich verschreibt. (Ein fanatischer Anarchist, der im Dienst an der Sache keine Rücksicht auf Freunde und Familie nimmt, wäre also ebenfalls rechtschaffen, obwohl er gegen die bestehende Ordnung kämpft.) Aus diesem Grund sind rechtschaffene Charaktere schlechte Freunde, weil sie im Zweifel ihren Dienst an der Sache höher gewichten als die Freundschaft. Auf die Freundschaft (und ebenso die Feindschaft) eines chaotischen Charakters kann man sich hingegen verlassen. Idealerweise sucht man sich daher rechtschaffene Feinde (die ihre Macht nicht unlauter einsetzen) und chaotische Freunde (die notfalls mit einem durch die Hölle gehen).

Damit besteht ein Konflikt zwischen beiden Achsen: Bestimmte Gute Ziele kann man nicht erreichen, wenn man Rechtschaffen handelt. Der archetypische Paladin dürfte daher als schlechter Freund gelten, weil man sich nicht auf seine Unterstützung verlassen kann.

Ein Gedanke zu „D&D und seine Gesinnungen

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