Die Welle

Neulich war ich im Kino und habe mir den Film „Die Welle“ angesehen, eine Neuverfilmung des Films „The Wave“ von 1981, der wiederum auf dem gleichnamigen Buch und dem Schulprojekt The Third Wave beruht. Ziel dieses Projektes war, die Mischung aus Gefahr und Anziehungskraft darzustellen, die von totalitären Bewegungen ausgeht. Grundsätzlich gelingt es dem Film recht gut, das Thema ins heutige Deutschland zu übertragen – wenn er nicht durch zusätzliche Erzählstränge überfrachtet wäre.

Grundlage des Films ist ein Projekt, das ein überforderter Lehrer beginnt, nachdem seine ursprüngliche Planung für das Thema „Autokratie“ an der Unlust der Schüler zerbröckelt ist. Um ihnen zu zeigen, daß es keineswegs so einfach ist, totalitäre Bewegungen zu erkennen, wie sie denken, wandelt er sein Projekt kurzerhand in eine solche Bewegung um. Mit anscheinend unverfänglichen Angeboten macht er ihnen Disziplin und Gemeinschaft schmackhaft, was auch sehr gut funktioniert – mit wenigen Ausnahmen beißen alle Schüler an, nur eine Schülerin (Mona) durchschaut die Masche.

Im weiteren Verlauf des Films kommt es dann, wie es kommen muss: Die Bewegung wächst, die Schüler werden immer stärker zusammengeschweißt und ihre neue Gemeinschaft bewährt sich gegen Angriffe von außen. Die Mitglieder füllen die Leeren Stellen in ihrer Gemeinschaft kreativ aus, indem sie z.B. einen Gruß erfinden, eine Homepage erstellen, Feten schmeißen. Gleichzeitig schließt die Bewegung aber auch konsequent jene aus, die sich ihr nicht bedingungslos anschließen, wie Karo (die Heldin des Films) feststellen muss. Unter dem Druck der Beziehung bricht sogar eine Krise in der Beziehung mit ihrem Freund (überzeugter Anhänger der Welle) aus, die vorher wohl schon lange geschwelt hat.

An Karo werden auch die Schwächen des Films deutlich. Zunächst einmal gibt es keinen nachvollziehbaren Grund für sie, sich der Bewegung entgegenzustellen. Anders als Mona war sie zu Beginn durchaus angetan und es wird nie deutlich, warum sie kein weißes Hemd anzieht und so die finstere Seite der Bewegung zu spüren bekommt. Gleichzeitig ist sie viel zu tugendhaft, um glaubwürdig zu wirken, ganz besonders im Vergleich zu Mona. Auch die Szenen, in denen ihre Angst und Unsicherheit gezeigt werden sollen, wirken aufgesetzt und langweilig. Ähnliches gilt für den Konflikt zwischen der Welle und den Punks, wenn man einmal vom ersten Auftauchen absieht. (Die Prügelei beim zweiten Auftauchen war wohl eine der schlechtesten Kampfszenen, die ich je gesehen habe)

Sehr schön ist hingegen, wie der Film
aufzeigt, wie der Lehrer von seiner eigenen Bewegung mitgerissen wird: Sowohl, wenn er Rothemd Karo ignoriert, als auch, wenn er sich gegen sämtliche Einwände immunisiert. Besonders gefreut hat mich, daß seine Minderwertigkeitskomplexe bereits zu Anfang des Films angedeutet wurden und nun nicht einfach aus dem Nichts fallen. Insgesamt ist der Übergang aber zu schnell und zu hart, um wirklich zu überzeugen.

Ins genaue Gegenteil schlägt es dann beim Beginn der Auflösung zu. Bei einem Wasserballspiel eskaliert die Gewalt, es kommt zu einem Kampf. Mir erschließt sich allerdings weder, warum der Kampf ausbricht, noch, warum es zum anschließenden Streit zwischen Karo und Marco (ihrem Liebsten) kommt. Die Szene würde Sinn ergeben, wenn die Mannschaft das Spiel verliert, weil Karos Flugblaktion die Spieler ablenkt und sie unkonzentriert und unfair spielen. So ist aber die Aggression eigentlich schon kanalisiert, wenn auch in einer mir überhaupt nicht nachvollziehbaren Weise.

Das große Finale findet schließlich in der Aula der Schule statt. Marco hat in seiner Auseinandersetzung mit Karo erkannt, daß die Welle außer Kontrolle geraten ist und versucht, dies auf dem Treffen deutlich zu machen. Der Lehrer befiehlt den Mitgliedern der Welle, die den Saalschutz übernommen haben, den „Verräter“ auf die Bühne zu bringen und lässt sie dort dann auflaufen, indem er ihr Handeln hinterfragt: „Warum habt ihr ihn auf die Bühne gebracht?“ und „Was wollt ihr nun mit ihm machen?“ Das ganze endet in einer Schießerei, einem Selbstmord und vielen Tränen.

Was bleibt,
ist ein zwiespältiges Verhältnis zum Film. Solange sich der Regisseur darauf beschränkt, die Anziehungskraft und Wucht der Welle darzustellen, ist der Film wirklich gut. Leider zerfasern diese guten Ansätzen im Versuch des Autors, auch gleich den korrekten Umgang mit solchen Bewegungen zu zeigen. Karo ist viel zu blaß, um die Rolle der „Sophie Scholl der Welle“ glaubhaft zu machen, und die Welle an sich dafür nicht gefährlich genug. Der erhobene Zeigefinger scheint zu oft durch, die Guten handeln oftmals gedankenlos und unnötigerweise auf eigene Faust. Sollte es von dem Film einen Director’s Cut geben, so schneidet er hoffentlich noch ein paar Szenen heraus, anstatt zusätzliche einzufügen.

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