Katastrophen mit vielen Facetten

Das Thema des diesmonatigen Rollenspielkarnevals lautet Ausgepresst. Ich werde daher in meinem Beitrag das Buch »Warum Gesellschaften überleben oder untergehen« ausschlachten, in dem es darum geht, wie sich eine »ausgequetschte« Umwelt auf soziale Verbände auswirkt. Ich denke, dieses Buch eignet sich gut fürs Rollenspiel, weil es die entsprechenden Beschreibungen auf rollenspieltaugliche Länge zusammenkürzt, dabei aber ermöglicht, dem zentralen Konflikt einer Kampagne zusätzliche Facetten zu verpassen (und so mehr Lösungen zu ermöglichen).

Der Autor fasst Umwelt dabei relativ weiträumig, sie schließt nicht nur die natürliche Umwelt ein, sondern auch die soziale Umwelt. Insgesamt nennt er fünf Faktoren für den Untergang von Zivilisationen:

  1. Umweltzerstörung
    Wie widerstandsfähig bzw. empfindlich reagiert eine Umwelt auf menschliche Eingriffe? Wie schnell wachsen Bäume nach, wie stark erodiert der Boden, wie viele alternative Nahrungsmittel stehen zur Verfügung?
  2. Klimawandel
    Welchen natürlichen Schwankungen unterliegt das Klima? Hierzu gehören unter anderem Dürren, Fluten und Kälteeinbrüche.
  3. Nachbarstreit
    Wie stark bedrohen Nachbarn die Zivilisation und wie viele Ressourcen binden sie?
  4. Nachbarschaftshilfe
    In welchem Umfang handelt die Zivilisation mit ihren Nachbarn und welche Ressourcen werden dadurch freigesetzt?
  5. Gesellschaftliche Reaktionen auf Veränderungen
    Wie geht eine Gesellschaft mit Veränderungen um?

Wieso ist das jetzt für das Rollenspiel interessant? Nun, das Buch zeigt diverse historische Gesellschaften, die unter starkem Druck standen und schwierige Konflikte bewältigen mussten. Die einzelnen Konflikte eignen sich mehr oder weniger gut für die direkte Übernahme ins Rollenspiel. Ein Klimawandel (Dürren, Überschwemmungen usw.) eignet sich in gängigen Fantasywelten eher als Treibstoff für andere Konflikte, lediglich in stark mythologisch angehauchten Welten wie Glorantha oder jender der Zeichentrickserie Kassai und Leuk wäre es möglich, direkt etwas gegen ihn zu unternehmen.

Die Punkte 1, 3, 4 und 5 hingegen beruhen allesamt auf menschlichem Handeln und lassen sich daher durch menschliche Entscheidungen beeinflussen. Damit bieten sie sich auch als zusätzliche Ebenen eines Konflikts für eine Kampagne an (und können eine mythologische Kampagne unterfüttern).

Die fünf Punkte haben aber auch für den Verlauf einer Kampagne Vorteile. Wenn man Ihre Auswirkungen bedenkt, ist es wesentlich einfacher, gesellschaftliche Veränderungen aufgrund großer Konflikte einzubauen. Selbst wenn man eine klassische Invasion der Orks spielt, kann man die Ratschläge aus dem Buch nutzen, um die Gesellschaft durch den Konflikt zu verändern, anstatt nur den Status quo ante wiederherzustellen: Aufgrund der ständigen Gefahr durch Orkangriffe halten die Bewohner eher Vieh anstatt Getreide zu züchten, weil man das Vieh auf der Flucht mitnehmen kann, während das Getreide auf den Feldern brennt.

Hier jetzt ein Beispiel für eine Kampagne, die das Thema aufgreift.

Thema der Kampagne ist der Abwehrkampf einer seßhaften Zivilisation gegen Nomaden. Die Spieler können grundsätzlich auf beiden Seiten stehen, sie sollten aber einen vergleichsweise hohen Status haben oder erringen können, damit sie ausreichend großen Einfluss ausüben können.

Die Nomaden mussten ihre bisherigen Weidegründe ausgeben, da eine Dürre die Erosion verstärkt hat und das Gras nun nicht mehr schnell genug nachwächst, um ihre Herden zu ernähren. Die seßhafte Zivilisation wiederum muss einem mächtigeren Reich Tribut zahlen, indem es jedes Jahr eine bestimmte Menge Getreide liefert. Die Überfälle der Nomaden verringern die Ernte, es drohen also Hunger oder Vergeltungsmaßnahmen der mächtigeren Nation.

Hier kann die seßhafte Zivilisation nun auf mehrere Weisen reagieren. Wenn die Zentralregierung nicht eingreift, werden die Bauern vermutlich flüchten oder den Boden ausbeuten. Dies würde über kurz oder lang zu ihrem Untergang führen, spätestens wenn die Ernten auf den ausgelaugten Böden weiter sinken, werden die Nomaden das Reich überrennen. Geschickter wäre es vermutlich, wenn die seßhafte Zivilisation entweder einen Modus Vivendi mit den Nomaden findet, sie auf die mächtigere Nation lenkt oder auf sonstige Weise neutralisiert.

Im Gegensatz zu einer klassischen Kampagne, in der einfach die Bösen einbrechen, stehen also viel mehr Handlungsoptionen offen: Mit Menschen kann man verhandeln, gegen Menschen kann man kämpfen, Menschen kann man verändern. Das Böse kann man nur in einer apokalyptischen Entscheidungsschlacht zurückwerfen.

Ansonsten könnte die Kampagne dabei nach dem klassischen Schema ablaufen: Ein abgelegenes Dorf wird bedroht, die SC finden heraus, worin die Bedrohung besteht und suchen nach einer Möglichkeit, ihr zu begegnen. Im Gegensatz zur klassischen Fantasy-Kampagne besteht die Lösung hier aber nicht in einem magischen Artefakt, das die Heerscharen des Bösen vernichtet, sondern in politischen Verhandlungen bzw. (bei einer mythische Kampagne) einer Befriedung der verärgerten Wettergötter.

Zumindest mich hat das Buch für eine politische Kampagne inspiriert, die einmal auf einer anderen Zeitskala abläuft als meine gewöhnlichen Kampagnen.

 

Ein Gedanke zu „Katastrophen mit vielen Facetten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.