[Betrachtung] Theonchora Ephorân

Auf Theonchora wurden irdische Menschen aus verschiedenen Epochen in eine fremde Welt versetzt, wo sie
„Eingeborenen“ in Form der verschiedenen Fantasyvölker begegnen. Der Name Theonchora bedeutet so viel wie „Land der Götter“, denn genau das ist es: Es ist ein Land, in dem die antiken griechischen, römischen, ägyptischen und nordischen Götter Wirklichkeit sind.

Zu diesen Göttern gibt es natürlich auch die passenden Völker: Die Hellenen, Roma Nova, Kemet und drei Wikingervölker. Sie werden verstärkt durch Überläufer aus dem ehemals christlichen Mittelalter, die nun ebenfalls den heidnischen Götzen folgen: Die Ungländer den Asen und Vanen, die Frankländer dem Pantheon und die Deutschen den Olympiern. Als kostenlose Dreingabe gibt es ein Königreich des Kreuzes, in dem sich einige halsstarrige Christen versammelt haben, und eine frankländische Stadt, die eher den kemetischen Göttern zugeneigt ist.

Alles in allem also eine solide Ausgangsbasis für ein konfliktreiches Setting, in dem sich die verschiedene Kulturen munter kabbeln. Zudem wird ein dunkle Bedrohung in Aussicht gestellt. Da kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen!

Leider doch. In der Beschreibung liest man nämlich viel öfter davon, welche Konflikte auf gar keinen Fall ausbrechen können, als davon, welche Konflikte wahrscheinlich seien. Zudem weist die Welt teilweise logische Brüche auf.

Die Völker sind allesamt statisch und teilweise seit Jahrhunderten eingefroren. Besonders deutlich wird dies bei den Wikingern: Die Stridländer plündern seit knapp 500 Jahren Roma Nova, ohne dass sich diese stärkste Militärmacht Theonchoras dazu veranlasst sah, einmal eine Flotte aufzustellen, um diese Plünderer zu befrieden. Eigentlich hätten sie noch nicht einmal eine Flotte aufstellen brauchen, denn ganz offenbar hatten sie vor knapp 350 Jahren eine Flotte, mit deren Hilfe sie Frankland erobert haben. Diese Flotte muss zudem hochseetüchtig gewesen sein, da laut Beschreibung zwischen Frankland und Roma Nova keine Küstenschifffahrt möglich ist. Warum die Römer lieber Frankland erobert haben, anstatt die nervigen Stridländer auszuschalten, die auch nicht wesentlich weiter weg wohnen, wird nirgends erklärt.

Es wird auch nicht ganz klar, wie die Svandier und Gudmier in Frieden leben können. Keines der beiden Länder erreicht auch nur annähernd die römische Militärmacht, beide sind aber reich. Selbst wenn die abenteuerlustigsten, reichsten und tapfersten Stridländer aus Prestigegründen lieber nach Rom fahren, sollten doch noch genügend sonstige Stridländer übrig sein, um zumindest das friedfertige und nicht befestigte Svandia als Selbstbedienungsladen zu nutzen. (Schließlich wurden auch weiterhin christliche Klöster auf Irland geplündert, obwohl die Normannen schon bis Sizilien vorgestoßen waren)

Die Römer verhalten sich allerdings nicht nur in diesem Fall militärisch und strategisch äußert dämlich. Trotz ihrer gewaltigen Militärmacht scheitern sie seit mindestens 400 Jahren daran, das zersplitterte Hellas zu erobern – etwas, was dem Heiligen Olympischen Reich als drittstärkster Militärmacht etwa alle 60 Jahre gelingt. Und das, obwohl die Römer keine Feinde im Rücken haben, während die HORer sich vor Ungländern, Frankländer und Kreuzrittern in Acht nehmen sowie ein riesiges Gebirge überqueren müssen. Diese militärische Inkompetenz Roma Novas wird nirgends begründet. Da der Status Quo zwischen Ungland und Frankland an der Karonne ausdrücklich mit dem Eingreifen der Götter erklärt wird, scheinen diese sich hier ja nicht einzumischen.

Die Statik trifft aber nicht nur auf die internationalen Beziehungen zu, die ja mehr oder weniger über Jahrhunderte eingefroren sind, bis ein neuer Spieler auf Theonchora gesetzt wird. Nein, auch die Innenpolitik der Länder ist konfliktarm, um nicht zu sagen nicht vorhanden.

So gibt es mit Lapassette eine Stadt, die sich trotzig dem frankländischen König entgegenstellt, weil ihr Herrscher lieber den kemetischen als den römischen Göttern huldigen möchte. Anders als bei den (offensichtlich als Vorbild dienenden) Katharern versuchen die frankländischen Könige nun schon seit Generationen, das Problem auf friedliche Weise zu lösen – was bislang zu einer „zunehmenden Entfremdung“ geführt hat. Scheint kein besonders heißer Konflikt zu sein, da kann der theonchorische Völkerbund bestimmt schlichten.

In Ungland dürfen zwar nur die nordischen Götter angebetet werden, trotzdem gibt es eine christliche Untergrundbewegung. Aber selbst diese Vorlage läuft ins Leere, da nicht erwähnt wird, inwieweit (und ob) der ungländische König versucht, seine religiösen Anordnungen durchzusetzen.

Die Einwohner des Heiligen Römischen Reiches sind geradezu Ausbünde an Tugend: Selbst der baldige Tod ihres alten Kaisers lässt keine Grabenkämpfe um seine Nachfolge aufbrechen, kein Streit zwischen möglichen Erben. Nein, alle seine Kinder sind dickste Freunde und wollen unbedingt den Ältesten auf dem Thron sehen. Klar, dass unter diesen Umständen noch nicht einmal die Fürsten versuchen, sich zusätzliche Privilegien auf Kosten des todkranken Kaisers zu erwerben.

Das so ganz nebenbei das Königreich des Kreuzes ganz offensichtlich ein stehendes Heer hat, fällt da kaum noch ins Gewicht. Klar, es könnte ins Gewicht fallen, wenn Heer und Papst nicht vollkommen gleichgeschaltet wären, sondern teilweise unterschiedliche Interessen hätten, aber leider folgen ganz offensichtlich alle Kreuzländer den Befehlen des Papstes blind, egal, was es sie kostet.

Oh, und wo wir schon bei den religiösen Heeren sind: Zumindest bei den hellenischen Tempeln gibt es Kriegerorden, die wohl irgendwie gar nichts tun. Die Tempel ignorieren einander nämlich höflich und streiten sich keinesfalls um ihrer Stellung. Nein, nicht nur das – selbst in Fragen zum Wesen des Gottes streiten sich die Priester nicht. Es ist also ganz egal, wer oder was Poseidon wirklich ist: Solange jemand, der von sich selbst behauptet, ein Poseidonpriester zu sein, im Poseidontempel lernen kann, ist seine Interpretation Poseidons richtig. (Auf einen trojanischen Krieg oder gar eine Befreiung der armen Iphigenie müssen wir auf Theonchora wohl verzichten)

Fehler finden sich aber nicht nur im Verhalten der verschiedenen Völker, auch die Geographie wirkt eher lieblos so hingeklatscht, wie man sie gerade brauchte.

Laut Karte wirkt es z.B. so, als würden Aria, Luger und Iordan bergauf fließen. (Der Luger z.B. fließt aus einem Mittelgebirge zunächst in Richtung eines Hochgebirges) Dies wird durch die Beschreibung noch verstärkt, wenn z.B. der Aria in der Nähe einer 200 m tiefe Steilklippe entspringt, dann aber mehrere km weiter westlich 300 m in die Tiefe stürzt. Ihr Verhalten kann man zwar erklären, wenn man es will, aber es ist weder aus der Karte noch aus den Beschreibung ersichtlich und man ist als SL gezwungen, sich selbst dazu passende Höhenlagen auszudenken. Sehr unschön – das sind Dinge, die ich mir eigentlich ersparen will, wenn ich ein Setting kaufe.

Die Tatsache, dass Trolle als nachtaktive Wesen keine Möglichkeit haben, im Dunkeln zu sehen, die im Sonnenlicht mit weniger Nachteilen behafteten Orks hingegen schon, fällt bei den sonstigen Brüchen eigentlich nicht mehr ins Gewicht.

Kurz: Theonchora ist langweilig, statisch und unlogisch. Es ist kein Werkzeug für den Meister, sondern eine lieblos zusammengeklatschte Sammlung von weichgespülten Abziehbildern der wichtigsten mittelalterlichen und antiken Kulturen, vermengt mit etwas Fantasy. Alles, was man braucht, um ein Setting atmen zu lassen, darin Abenteuer zu spielen, fehlt. Es enthält nur, was jeder Rollenspieler, der in der Schule im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, in kurzer Zeit skizzieren kann. Jegliche Tiefe und Farbe hingegen fehlt.

(Diskussionen hierzu bitte im Forum)

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