Free Rainer – Dein Fernseher lügt

Was könnte man aus diesem Filmnicht alles machen: Einen Thriller. Eine Komödie. Einen politischen Film. Vielleicht sogar zwei der Dinge miteinander mischen. Voller Vorfreude ging ich mit einer Bekannten ins Kino.

Der Film begann mit einer überzogenen Szene, in der ein überdrehter Rainer mit überhöhter Geschwindigkeit am Steuer kokst und dabei einen Unfall baut und anschließend seinen eigenen Wagen zertrümmert, um die Unfallgegner einzuschüchtern. Dieser Level an Absurdität hält noch eine Zeit lang an, bis zu zwei Mordanschlägen auf Rainer von einer jungen Frau, deren Vater er durch falsche Anschuldigungen in den Selbstmord getrieben hatte. OK, für eine Komödie ein guter Anfang – nur müsste es dann so langsam lustig werden. Wurde es leider nicht, stattdessen wurde Pathos aufgetragen.

Im Krankenhaus erfährt Rainer vom Motiv der jungen Frau und wird erleuchtet, fortan will er nicht mehr dreckigen Pseudojournalismus machen, sondern die Welt mit Weisheit erfüllen! Gleich macht er sich an eine anspruchsvolle Doku, die allerdings miese Quoten liefert. Er spricht die Frau an, die ihn überzeugt, daß die Quoten manipuliert werden, und gemeinsam schmieden sie einen Plan, um dieses finstere Komplott aufzudecken. Sie machen sich auf zur Quotenmesszentrale, wo sie beinahe beim Diebstahl des Messgeräts erwischt werden. Zum Glück ist der Wachmann ein Verschwörungstheoretiker, der sich ihrer Mission anschließt. Gemeinsam testen sie die Quotenmessung und stellen fest, daß die Quote stimmt. (So viel zum Thema „Fiese Verdummungsverschwörung per TV“)

Natürlich lässt sich die Avantgarde der Weltrevolution nicht von solch einer Kleinigkeit aufhalten. Wenn die Quote stimmt, dann müssen eindeutig die Menschen durch eine fiese Verschwörung dazu gebracht worden sein, Schund zu mögen. Flugs hecken unsere selbsternannten Weltretter einen Plan aus, um das Niveau des Fernsehens zu erhöhen. Zu diesem Zweck wollen sie die Quotenmessgeräte austauschen und ihrerseits die Quote zugunsten hochwertiger Sendungen manipulieren. Da sie das alleine nicht schaffen, heuern sie ein paar unfähige (wenn auch mehr oder weniger liebenswerte) Langzeitarbeitslose an, die sich als Handwerker ausgeben sollen, um die Boxen auszutauschen. Die versagen natürlich kläglich, was unsere Helden beinahe ruiniert. Einer ihrer Handlanger ist Alkoholiker, betrinkt sich zwischendurch und nagelt eine Telefonzelle um. Dummerweise wird er erwischt und ins Kittchen gesteckt. Nun durchlebt Rainer seine Passionszeit: Anstatt, wie in der bürgerlichen Gesellschaft üblich, für eigenes Verschulden geradezustehen, soll er den Alki für sein letztes Geld auslösen. Zunächst weigert er sich, wird dafür aber vom Rest der Truppe boykottiert. Er muss lernen: Um den Endsieg zu erreichen, sind alle Mittel recht. Die Revolutionäre machen keine Fehler, alles was so scheint, ist bloß Überbleibsel gestrigen Denkens.

Jetzt wird es allerdings richtig albern: Anstatt wegen Geldsorgen den Plan in die Tonne zu treten, fällt dem Alki (ehemaliger Telekomtechniker) ein, daß man einfach die Datenleitung, mit der die Quoten übertragen werden, anzapfen kann. (Warum er da nicht schon früher darauf kam, ist nicht so ganz klar; ich vermute, die Deus-Ex-Machina steckt dahinter) Nach all diesem Rhabarber schaffen sie es also, hochwertige Dokus hochzujubeln und Schundsendungen niederzustimmen.

Die Auswirkungen sind enorm: Von ihrer Verblendung befreit, schalten die Leute ihren Fernseher aus und lesen! Im Freien! Literatur!

Gut, es wird nicht so ganz klar, warum sie hochwertiger Literatur anstatt eines Groschenromans lesen oder nicht einfach eine Spielkonsole anschmeißen, aber im Vergleich zu den bisherigen Löchern fällt das kaum noch ins Gewicht. Lustigerweise bestätigt es auch gleichzeitig, daß die Quote stimmte – die Leute wollten Schund sehen. Wenn der wegbricht, machen sie lieber was anderes.

Selbstverständlich muss das Imperium vor dem Happy End noch zurückschlagen. Tut es auch, denn Rainers ehemaliger Chef findet unsere Verschwörer und versucht, sie zu erpressen, um die eigene Quote zu verbessern. Natürlich beißt er hierbei auf Granit, unsere Helden fliehen lieber, anstatt sich für seine dunklen Machenschaften einspannen zu lassen. Versteckt in einer Höhle Ferienwohnung trauern sie um ihren Fehlschlag, erfahren dann aber zu ihrer Freude, daß ihr Plan erfolgreich war: Die von ihnen manipulierten Quoten haben sich etabliert!

Erfreut über das erfolgreiche Gefecht machen sich unsere Revolutionäre gleich zum nächsten Ziel auf: Das Einkaufsverhalten der Menschen zu retten und sie vor der Beeinflussung durch die Werbung zu retten.

Abgesehen davon, daß die „Helden“des Film ständig genau das taten, was sie den „Schurken“ vorwarfen, nämlich die Menschen nach ihren Vorstellungen zu steuern (nur uneigennützig zu deren eigenen Vorteil, natürlich), ist dies ein mieserables Remake der „Hurra“-Parolen totalitärer Regime –der Film könnte eine Verfilmung von Lenins Vorstellungen über den idealen Übergang zum Kommunismus sein: Die Avantgarde der Weltrevolution bereitet den Boden, damit das Proletariat, der ungebildete Pöbel, seine Bestimmung erreichen kann. Nix mit Selbstbestimmung und Individualität, Fremdbestimmung und Konformismus pur.

Im Vergleich zu diesem Film hat „Stirb Langsam 4“ gesellschaftskritischen Tiefgang, denn da gibt es wenigstens einen Satz, der vor entsprechendem Vorgehen warnt: „It‘s not a system [that can be simply rebooted freshly], it‘s a country, a country full of people who are home, scared.“

Fazit: Dieser Film war einfach nur schlecht und langweilig, das Eintrittsgeld zu verbrennen hätte mehr Unterhaltung gespendet.

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