Warum die Kiewer Rus’?

Der Artikel zur Rus’ wurde ja tatsächlich außerhalb dieses Blogs diskutiert (was mich verwundert), und dabei auch gleich madig gemacht (was mich weniger verwundert). Trotzdem will ich hier kurz diejenigen Punkte aufzählen, welche die Rus’ meiner Meinung nach zu einem sehr brauchbaren Setting machen. Es ist nicht das einzige brauchbare Setting, es ist vermutlich auch nicht das bestmögliche Setting, aber es dürfte auf jeden Fall eine angenehme Abwandlung der üblichen Hintergrundwelten sein, ohne gleich ganz abgefahren zu wirken.

  • Es gibt viele historische Beispiele für solche Situationen.Natürlich gibt es die, Konflikte gab es immer und überall auf der Welt. Aber Europa nach dem Fall Roms war in erster Linie in sich gekehrt, es gab keine Großmächte, die Einfluß darauf nahmen – die bildeten sich dann nach und nach im Inneren Europas. Im Interregnum war das Reich auch in erster Linie mit sich beschäftigt, in sich zerstritten und wählte schwache Könige von außen; ausländische Mächte haben sich hingegen kaum engagiert, sondern die Zeit genutzt, um sich selbst zu festigen. Im Heiligen Römischen Reich des 16. Jhd. war Herrschaft schon stark institutionalisiert, Konflikte eher eindimensional – für militärische Kampagnen toll, für REIGN’sches Intrigenspiel weniger, es sei denn, man will sich in Hinsicht auf die Akteure stark einschränken. Hingegen sind auf der Rus’ neben den Konfliktparteien in jenen Beispielen auch alle damaligen Großmächte (Papst, Römischer Kaiser, der Patriarch von Konstantinopel, Griechischer Basileus und die Mongolen) beteiligt, die alle irgendwie mit- und gegeneinander arbeiten und die kleineren Herrscher und Kriegsherren nicht nur für ihre Zwecke nutzen, sondern teilweise auch benutzt werden.
  • Noch weniger als Mittelerde und das ist schon voll daneben.Mittelerde ist im Grunde eine dualistische Welt, Gut gegen Böse, Gandalf gegen Sauron, Gondor gegen Mordor. Damit eignet sich natürlich nicht besonders für REIGN, da es fast unmöglich ist, Bündnisse außerhalb des eigenen Lagers zu schließen. Dieses Problem besteht bei der Kiewer Rus’ nicht, die Konflikte dort sind multipolar – selbst verbündete Herrscher kämpfen munter gegeneinander, im Grunde kann jeder mit jedem. Abgesehen davon wird Mittelerde stärker von Personen als von kleinen Gruppen („Companys“) getragen, in der Rus’ ist es vergleichsweise normal, daß kleine Gruppen neu auftauchen und munter mitmischen. Daniils Mutter wurde z.B. von einem eher kleinen Bojaren vertrieben, dessen Aufstieg und Fall beinahe eine REIGN-Kampagne sein könnten.
  • Liegt vor allem daran, dass es [gemeint ist das Standardsetting] sich um einen Rollenspiel-Hintergrund handelt.Interessantes Argument, wird nur leider von dutzenden einfallslosen und langweiligen Rollenspielhintergründen widerlegt, die so herumkrauchen. Um ehrlich zu sein finde ich das Standardsetting von REIGN sogar ziemlich schlecht und streckenweise unlogisch.
  • Kiewer Rus ist beispielsweise wahrscheinlich ein Setting, das man in der Ukraine besser verkaufen könnte als hier,Halte ich für äußerst unwahrscheinlich, da das Thema in der Ukraine viel zu emotional aufgeladen ist. Dort könnten die Punkte, welche die Gegend für REIGN interessant machen, kaum genutzt werden, im Gegensatz sogar zu Streit am Spieltisch führen. Bis heute streiten sich die Ukraine und Rußland darum, wer denn nun der wahre Nachfolger der Rus’ sei, eine politsch stark aufgeladene Diskussion. Zudem sind die Unterschiede zu Westeuropa auch nicht so groß – es gibt sehr viele Anknüpfungspunkte. Jemand, der sich zutraut, Irland oder Mittelerde als Setting zu nutzen, kommt auch mit der Rus’ klar. Der Grund hierfür ist in erster Linie die galizisch-volhynische Chronik, die von einem katholischen Kleriker verfasst wurde, der diese Übertragung bereits für uns vorgenommen hat, aber auch, daß die Kiewer Rus’ vergleichsweise gute Verbindungen nach Westeuropa hatte. Talisanta ist wesentlich exotischer als die Rus’, zumindest unter Mongolen, römisch-katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche sollte sich jeder was vorstellen können.

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